Philosophie



Die erste reguläre Wissenschaft, die sich in der europäischen Antike entwickelte, war die Philosophie. Einzelne Menschen an der damals griechisch besiedelten, heute türki­schen Mittelmeerküste, kamen bereits im 6. Jahrhundert vor Christus auf den Gedan­ken, die inneren Gesetzmäßigkeiten der sie umgebenden Natur (physis) so gut wie möglich zu verstehen. Ihr Ausgangspunkt war das Wundern und Staunen über diese Natur, so dass sie vielfache Fragestellungen entwickelten, anhand derer sie sie verste­hen wollten. Um Antworten zu erhalten, mussten sie die Natur systematisch beobachten und ihre intellektuellen Fähigkeiten so gut wie möglich einsetzen, um das Gesehene zu erklären und um ihre Gedanken zu strukturieren. Diese sog. Naturphilosophie, die die spätere Naturwissenschaft begründete, wurde durch das Auftreten des Philosophen Sokrates in Athen überlagert.

Sokrates vertrat die Ansicht, der forschende Blick des philosophischen Denkers müsse sich ab sofort auf Geist und Seele (psyche) des Menschen richten. Genau so, wie sich die älteren Philosophen mit der Natur beschäftigt hätten, sollte sich die neuere Philoso­phie fortan die Frage stellen, was denn nun eigentlich das spezifisch Menschliche am Menschen sei. Damit war ein riesenhaftes Denk- und Forschungsgebiet begründet, das viele der heute bekannten Fachbereiche wie Mathematik, Geschichte, Medizin, Rhetorik umfasste. Denn alles Forschen und Denken geht vom Menschen aus und wirkt auf ihn zurück.

Mit der Zeit bildeten sich aber drei Fragestellungen heraus, die gerade für die Philoso­phie besonders typisch waren und als grundlegend für die übrigen Wissenschaften gel­ten konnten: Was kann der Mensch wissen? Was soll der Mensch tun? Was darf der Mensch hoffen? Mit diesen drei Zentralfragen waren auch gleichzeitig die wichtigsten Sachgebiete der Philosophie umrissen: Was der Mensch wissen kann wird in der Er­kenntnistheorie, was der Mensch tun soll in der Ethik, in der Rechts- und in der Staats­philosophie und schließlich was er hoffen darf im Sachgebiet der Metaphysik diskutiert. In der langen Zeit, in der die Philosophie existiert, sind für alle Gebiete vielfache und sich oftmals wiedersprechende Theorien entstanden, deren wichtigste heute die stoffli­che Grundlage für das Fach Philosophie in der Oberstufe bieten. 

Seit seiner Einrichtung ist dieses Fach daher zwei obersten Aufgaben und Zielen ver­pflichtet: Die Schülerinnen und Schüler sollen sowohl die Geschichte der Philosophie als auch den entscheidenden Ausgangspunkt allen Philosophierens, das Wundern über das anscheinend Alltägliche mitsamt der Fähigkeit, dieses Staunen als Fragen zu formulie­ren, erlernen. Wie bei den alten Philosophen ist damit das Tor zum systematischen, strukturierten und logischen Denken geöffnet.

Erst in den letzten Jahren ist die Möglichkeit dieses philosophischen Denkenlernens auch für die Unterstufenklassen entdeckt und entwickelt worden: Das Fach Praktische Philosophie soll auf die Auseinandersetzung mit den älteren und neueren philosophi­schen Theorien in der Oberstufe vorbereiten. Was läge da näher, als dass - wie es die alten Philosophen taten - die Schülerinnen und Schüler sich selbst anhand ihres eige­nen Alltags, ihrer Vorlieben, Erlebnisse, Hoffnungen und Ängste auf der Basis der drei genannten Zentralfragen thematisieren? Auch ohne ständigen Hinweis auf Geisteshe­roen wie Sokrates, Aristoteles, Kant oder Hegel können Kinder und Jugendliche auf diese Weise in die Fragestellungen der Philosophie eingeführt werden und gleichzeitig philosophisches Denken als eine spezifische Fertigkeit entwickeln.

Was soll man damit später anfangen? Keinem jungen Menschen kann man guten Ge­wissens den Beruf des Philosophen anraten! Die genannte Fertigkeit jedoch ist hoch­gradig gefragt: Nicht nur in der Oberstufe, um die oftmals verzwickten philosophischen Gedankengänge nachvollziehen zu können. Sondern auch und insbesondere im Unter­nehmensmanagement, wie die jüngste Kritik am oberflächlichen Angebot privater Business-Schools zeigt: Auf die Frage, was Schülerinnen und Schüler an diesen Ausbildungsstätten lernen müssten, um tatsächlich auch wirkungsvolle und praxisfähige Manager zu werden antwortet der renommierte amerika­nische Ökonom Mintzberg: „Fangen sie beispielsweise mit Philosophie an. Irgendwas, was sie zum Denken bringt ... Ein paar zusätzliche Kurse in Ethik helfen da nicht, das ist ein trivialer Versuch, das Problem zu lösen“ (Der Spiegel 33, 2009, S. 55). Mintzbergs Argu­ment ist universell: Wer gut denken kann, kann auch einen Beruf gut ausfüllen.